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"Symphonie" aus
der Neuen Welt
"e" Chat zwischen Joachim Müller-Lancé und r@designskeptic.com



Joachim Müller-Lancé, Inhaber von Kame Design and Mitbegründer von Typebox und Spiral21, preisgekrönter "bon-vivant"und "Bilderstürmer" aus San Francisco. Siehe auch kamedesign.com, typebox.com and spiral21.com


r (einleitende Gedanken): Internet bedeutet für mich höchste Individualität, jeder zu jedem. Der Bogen reicht von Online Banking bis schwieriges und undurchsichtiges Einkaufen (ebay.com; kleptomaniac.com); von Filmverleih mit Lieferung ins Haus (kozmo.com) bis Partnersuche (match.com; personals.yahoo.com); garantierte Kinokarten (moviefone.com); die Wiederauferstehung des Radios (luxuriamusic.com; radiovalve.com); Online- Trading/Börsenhandel (etrade.com) und "instant messaging". Das alles ist Teil der heutigen New York Story. Sogar eine schlecht gestaltete Site wie blueangel.com für den "ever -travelling cabaret-styled" New York Club mag Community-Gefühl vermitteln.

Email von JML: Was meinst du mit "dot-com Crash"? Da sind so viele Interessen verwickelt. [Irgendwem vielleicht] würde ein wirklicher Absturz nützen. Bitte sag mir, wem.




Während eines Besuch der Agenturgruppe Pilot Media in Hamburg: …"wir haben von unserer benachbarten Start-up Firma, die unter dieser "Flurbereining im Markt" zusammen gebrochen ist, profitiert, weil wir für unsere so sehr benötigte Expansion deren Büroräume und Geräte bekommen konnten."...

Email von JML: Der momentane 'Goldrausch' in San Francisco …hat zu einem Grad an Gier und Aggression geführt [der eigentlich nicht passt zum] selbstgefällig-milden San Francisco. Größere Metropolen wie NY, Tokyo, London, Hong Kong undsoweiter absorbieren solche Spannungen leichter.

Was Designer betrifft: Ich bin mit Steven Heller im Critique Magazine (Herbst 2000, Seite 144) einer Meinung [wo er sagte] das würde nicht erfüllbare Erwartungen bei den Studienabsolventen schaffen, wie zum Beispiel Anfangsgehälter von 60000 Dollars und gehobene Positionen. Ich habe lächerliche Stellenbeschreibungen und Versprechungen von Web Design Studios gesehen, die nicht aufrecht zu halten sind. [Dann wieder] …Entlassungen zu Hunderten ohne Ankündigung (du hast 20 Minuten Zeit, unter den Augen eines bewaffneten Sicherheitsbeamten dein "cubicle" [Arbeitsabteil] zu räumen)… Vielleicht folgt dann: Eine Generation mit schwelendem Zynismus?
Selbstverwirklichung: Unabhängigkeit. Ich gebe meinen Job bei der grossen Werbeagentur auf und gehe zu einer kleineren. MEINER Agentur. Jetzt arbeite ich virtuell mit mehreren Kunden rund um die Welt…

Email an JML: Was ist online gerade "HOT", also brandheiss?

Email von JML: Das bin ich schon einige Male gefragt worden und ich war perplex. Freunde haben mir Web Adressen empfohlen, und ich war immer enttäuscht: Die Nachfrage nach "HOT" steuert das Angebot, das da ist… Die meisten Sites tragen nur dick auf, ohne dann die Versprechungen einzuhalten. Frag Florian [ein guter Freund bei Organic NY]. Er denkt ähnlich: "Nun ja Kumpels, sieht gut aus, aber sonst?"

Schätze, das ist eine sehr genaue und hilfreiche Antwort. Ich moechte damit vor allem den Magazinen helfen, nochmal drueber nachzudenken, falls sie finden, ihre gedruckte Form sei "lahm" und muesste mit "heissen" Web-Sachen aufgemoebelt werden: Macht euch keine Sorgen - [das Internet spielt] in einer anderen Bundesliga...


So etwas wuerde lediglich zu einem gegenseitigen Aufschaukeln von Format und Medium führen, aber die Zahl der Talentierten, die man bräuchte, um Content für andere zu produzieren, wird deshalb nicht grösser. In Neil Postman's 1985 erschienenem Buch 'Amusing Ourselves to Death' (Wir amüsieren uns to Tode) [steht es], wenn wir schon Schwierigkeiten haben, in 50 Fernsehkanälen irgendetwas Vernünftiges zu bringen, was wird dann erst passieren, wenn wir 500 Kanäle haben werden? Wir haben nun das Internet und Web TV ruehrt sich schon hinter den Kulissen. (Ich habe [kürzlich] einen Bericht über Versuche mit interaktivem TV seit den 70er Jahren gesehen!).




Kürzlich stand im WIRED Magazin und einigen NY Zeitungen: Wieder eine neue Realismus "Show": Nach drei Monaten ist das WeLiveInPublic.com Projekt nun online. Josh Harris, Urheber des mittlerweile wieder verstorbenen Pseudo.com, hat beschlossen, sein New York Appartement so umzugestalten, dass man in jedem Raum auch den letzten Winkel einsehen kann. Er und seine Freundin bezeichnen das als soziologisches Experiment.

Nachträgliche Ergänzung von JML: - Eskaliert der Exhibitionsimus zum Voyeurismus? Jerry Springer [Sensationsmoderator einer US Tages-Talkshow]?: Eskaliert der Voyeurismus zum Exhibitionismus? Angebot und Nachfrage? Um Ärger auszulösen, braucht man mindestens Zwei.
Nebenbei an JML von r: …obwohl sich angeblich "keiner" damit befasst, handelt es sich doch um eine Triebkraft, weit entfernt von den Begriffen "gut", "Design", "cool", "ästhetisch". Denn wenn es um Sex geht, ist das den Leuten egal. Interessant ist nur, wenn man Sex in abgehobener Form betreibt, gibt's einen Aufstand…


Telefongespräch mit Eric Morrison, Gründer und Boss von EMPARC: … In der Sex-Industrie liegt so viel Geld. Sie ist ein Katalysator mit wesentlichem Einfluss auf die Volkskultur… Mir wurden Unmengen von Geld für das Hosting eines Web Porno-Rings geboten – aber in Hinblick auf die momentanen und möglicherweise zukünftigen Reglementierungen habe ich abgelehnt…

Nachträgliche Ergänzung von JML: Sex/ Skandal/ Drama ist nur ein Thema, bei dem sich die Leute nicht ums Design kümmern. Andere Themen könnten Geld, Macht (Politik genannt) und so weiter sein. Ganz allgemein: Unsere "niederen Instinkte"? Vielleicht ist das der eigentliche Punkt?
Gedanken-Notiz: Es fasziniert mich, wie Leute ihren Lebensstil mit dem Web ändern. Eine wahre Geschichte: Innerhalb von weniger als 48 Stunden war eine Riesenparty eines Fotografen angekündigt und wieder abgesagt worden. Einladungen, minutengenaue Zusagen und Absagen sind total leidenschaftslos abgehandelt worden. [thePlunge.com; signmeup.cc]


Kürzlich im Wall Street Journal: Jüngster Volkstrend mit Unterstützung der Sex-Industrie: Videotelefonie.

Email von JML: Ich persönlich mag Sites mit winzigen Interfaces. Alles handgezeichnet in Pixels ohne Weichzeichnung. Soll ich ein paar URLs schicken? Ihr Content ist vielleicht nicht viel tiefschürfender aber ihre Form verweist auf viele wunde Punkte..
Email an JML: New York gegen Kalifornien gegen die ganze Welt.

Email von JML: Das ist weiterhin derselbe Zwiespalt. NY ist rauher und konfrontierender, [dafür aber] treffender, [einige] menschliche Gesichtspunkte mögen vielleicht in der Eile untergehen. [Im Design-Sinne ist NY] näher an Europa, [während Kalifornien] näher zu Asien ist. Kalifornien hatte immer zuviel Zeit zur Verfuegung, daher haben sie sich nicht aufs Wesentliche konzentriert. Dekorativer, vielleicht oberflächlich: Daher der Kalifornien-"Style" und nicht "Methode". Wenn also Web Sites etwas bringen und funktionieren sollen, dann mag Kalifornien die Einstellung fehlen, geradlinige Logik zu liefern. Ich habe einen riesigen Anstieg an Designern bemerkt, die alle aus mehr Klarheits-orientierten Kulturen importiert worden sind, [aus eben diesem Grund]. Das hat sogar das Einwanderungsrecht beeinflusst. Die Amerikaner, von denen ich persönlich weiss, dass sie sich auf Benutzbarkeit und "Einsetzbarkeit" spezialisiert haben, haben ebenfalls ihre Ausbildung im Ausland erworben.

Der unvergleichliche Mix der US-Bevölkerung verlangt nach einem kleineren gemeinsamen Nenner in Sachen und Aufgaben von Kultur/ Bildung/ Information/ Kommunikation/ Unterhaltung/ Handel. Die US Bevölkerung ist ein fantastischer Experimentierboden für alles, was weltweit verbreitet werden soll. Und die Leute ertragen geduldig Dinge, die in älteren und/oder einheitlicheren Kulturen einfach Ablehnung (wenn nicht gar oeffentlichen Ungehorsam) bewirken würden.


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Nachträgliche Ergänzung von JML: …wenn man für Wissen bezahlen muss, hält das die sozialen Klassen auseinander. Und ausserdem hält es ethnische Bevoelkerungsgruppen auf dem Niveau, auf dem sie geschichtlich angesiedelt wurden … Erstaunlicherweise scheinen die "political correctness" Gesetze der 90er Jahre jeden Aspekt abzudecken, AUSGENOMMEN die Diskriminierung nach Sozialschicht/ Einkommenshöhe.
Nachträgliche Gedanken-Notiz: Ich kann die Vorstellung nicht leiden, dass Macht zu Geld führt und nicht zur Fähigkeit, zu denken. Ich kann es einfach nicht glauben, dass einem die besten Privatschulen so wenig bieten, wenn sie doch so teuer sind.

Nachtrag von JML: … ein Student zahlt vielleicht 20000 Dollars Studiengeld pro Semester, während ein Lehrer bloss 30 Dollar pro Unterrichtsstunde sieht (und nichts für die Vorbereitungszeit). Ich würde ja gerne wissen, wohin der Rest des Schuldgelds geht…

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Email von JML: [Was mir an einer Site gefällt?] Leistung, Leistung, Leistung. "What’s in for me – Was schaut für mich dabei heraus? Ich bin doch derjenige, der meine Zeit daran gibt, [unbefriedigende Sites] zu erdulden.

Interaktivität sollte freie Wahl bedeuten, nicht nur eine herausgeputzte Form von "Multiple-Choice"-Formularen. Echte Auswahl, echte Inhalte. Jedes Element clickbar. Das erfordert selbstverständlich eine sehr klare Navigation.

Also: Klarheit, wohin ich gehe. Wissen, Worum es bei dieser Site geht. Ich mag gelegentliche Überraschungen, sofern sie *sinnvoll* -- pfiffig,klein,unmittelbar, mehr für's Hirn als für's Auge sind. "Information sollte angeboten, nicht aufgedrängt werden." -
Ich zitiere mich selbst aus

http://ww.kamedesign.com/artic95_idn1.html

http://ww.kamedesign.com/artic95_idn2.html

http://ww.kamedesign.com/artic00feb_axis1.html


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Email von JML: Diese URLs sind in keiner besonderen Reihenfolge. …Einige dieser Sites dienen einfach nur als Denkanstoss; andere wiederum mögen mehr zu sagen haben. Jedenfalls will ich nicht, dass irgendeine davon meinen eigenen Worten widerspricht…



http://www.lessrain.com/
web/index.html


http://www.theremediproject.com/

http://www.yugop.com/
shocked/index.html


http://www.mobilesdisco.com/

http://www.eboy.com/

http://www.lollekundbollek.de/

http://bam-b.com/

http://www.poptics.de/pages/03.html

http://www.visualengineering.de/

http://www.vBureau.com/flash.html

http://www.soulbath.com

http://www.quickhoney.com/



Anhang von JML: "Der Ozean hat nicht nur eine Tiefe, sondern auch eine Oberfläche".
Anhang von r: "Hey! Verführ' die Leute nicht zur Schönmalerei."




Der Autor Robert Alejandro Chi, New Media Artist, Gründer von Design Skeptic, Inc. und designskeptic.com, lebt in New York, geht manchmal ins Ausland. Manchmal denkt er.


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