Bamberg ist eine Reise wert Gedanken zu zwei exzeptionellen Ausstellungen Von Ursula Weber, Nieder-Olm TEIL I Professor Thomas Duttenhoefer, Bildhauer, im Dom- und - Diözesan-Museum, "Stier Bischof & Tod" STIER BISCHOF & TOD Drama in Bronze in mehreren Akten von Thomas Duttenhoefer. Kunstkritische, philosophisch-religionsgebundene Assoziationen 14. Mai bis zum 10 Juli 2005 Öffnungszeiten: Di. bis So. 10 bis 17 Uhr Die Abbildungen dieser Rezension sind alle dem Katalog mit Genehmigung des Künstlers entnommen. Herausgeber ist das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia und dessen Direktor Dr. Bernd Goldmann. Künstlerischer Werdegang:
1950 geboren in Speyer. 1967 bis 69 Studium an der Werkkunstschule in Wiesbaden. 1968 bis 1972 Studium der Bildhauerei an der Fachhochschule für Gestaltung in Wiesbaden bei Erwin Schutzbach, weitere Lehrer: Alo Altripp, Ulrich Gertz. 1975 Gastdozent am Goldsmith-College der University London. 1980-1982 Lehrauftrag an der Fachhochschule Mainz. 1984 Lehrauftrag der Universität Mainz. 1995 Ernennung zum Professor der Universität Trier. Seit 2003 Professur an der Fachhochschule Mannheim. Lebt und arbeitet in Darmstadt. »Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.« Thomas Duttenhoefer In die überaus reichhaltige inhaltsbedeutsame Ausstellung im Dom- und Diözesan-Museum Bamberg sind nicht nur die Museumsräume sondern auch der Kreuzgang ins Geschehen der Inszenierung einbezogen. Thomas Duttenhoefers Werke in Bronze und Eisenguss, auf der Fensterseite des Kreuzgangs aufgestellt, finden sich plötzlich im Dialog zu den steinernen, hochkant gestellten mittelalterlichen Grabplatten an den Kreuzgangwänden, zu den Sandsteinfiguren, Steinkapitellen, Reliefs. Es entsteht Parität unter den Künstlern der Domfigurik aus der Zeit des Hochmittelalters und jenen des Bildhauers der Moderne. Die Eröffnung am Karfreitag dieses Jahres brachte auch eine Welturaufführung von Musik des aus Rumänien stammenden jungen Komponisten Dan DeDiu, der zur Zeit in der Villa Concordia in Bamberg, von Dr. Bernd Goldmann geleitet, als Stipendiat lebt und Komposition unterrichtet. Die Verfasserin dieser Zeilen, an Karfreitag auf der Autobahn aufgehalten, erlebte noch die Begrüßungsrede von Domkapitular Luitgar Göller, Leiter der Hauptabteilung Kunst und Kultur im Erzbischöflichen Ordinariat, die im mystischen Dunkel der Krypta gehalten wurde. Da alle Plätze besetzt schienen, eilte die vom Dunkel überraschte Rezensentin nach vorne, wo sie noch Platz fand. Sie hatte ihre Einladung beim Antritt der Fahrt nicht gefunden, und merkte erst bei der Gewöhnung an das Licht der Krypta, dass sie sich zu dem Trio, aus drei Bamberger Symphonikern bestehend, gesetzt hatte. Erst das Blitzen der Tuba, die direkt hinter ihr lag, machte sie aufmerksam, dass sie sich zu den Musikern gesetzt hatte, wo sie eigentlich ja nicht hingehörte. Unbelastet von der vollständigen Lektüre der Einladung glaubte sie beim 2. Ton, den Till Fabian Weser, Trompete, Ediard Rzhezach, Cello, und Heiko Triebener, Tuba, spielten, einen falschen gehört zu haben und zuckte zusammen, bis sie merkte, dass die Musiker Zitate mit starken Dissonanzen aus der aus verschiedenen Episoden bestehenden "Bilder einer Ausstellung" der ohnehin dissonanzreichen Suite von Mussorgski aufwarteten. Dan DeDiu hat einen geistreichen, melodiös und rhythmisch interessant komponierten Aperçu von 6 der »Bilder« im Auftrag von Bernd Goldmann und Thomas Duttenhoefer zu dieser grandiosen Ausstellung geschaffen, den die Konzertierenden bravourös in diesem seltenen Zusammenspiel von Tuba, Cello und Trompete auf ihren Instrumenten darbrachten.  | Der Bildhauer, Maler und Grafiker Thomas Duttenhoefer bei der Arbeit |
Antinomien
Die Porträtköpfe, ein besonders genialer Teilbereich innerhalb des Gesamtoeuvre des Künstlers, schauen den Besucher in Augenhöhe an und veranlassen ihn zur Ergründung der beredten Physiognomie des Dargestellten. Da der Bildhauer diese Angesichte schafft, bleiben bei seinen ganzfigurigen Formungen der menschlichen Gestalt - in Eisengüssen, Bronzen, Terracotten -, welche Themata des Religiösen ("Vesperbilder"), oder die Metamorphose des Ovid der treuesten Liebenden "Philemon und Baucis", oder der Gestalt des in sich versunkenen Menschen zum Gegenstand haben, das Antlitz der Gestalt meist ohne erkennbare Gesichtszüge. ECCE HOMO. "Philemon und Baucis" sind noch einmal im Werk wiederzufinden als Liegende in der Einmaligkeit etruskischer totenkultischer Darstellungsweise, Mann und Frau auch im plastischen Bilde nach ihrem Tod gemeinsam ruhend auf dem Sarkophag der Nachwelt zu erhalten. Von dieser Manier war ich schon auf unserer Italienexkursion der Saarbrücker Universität im Jahre 1955 mit unserem Archäologie-Professor Kähler (besonderer Kenner der Augustusdarstellungen in Primaporta und der Ara Pacis) sehr beeindruckt, und nun finde ich bei Thomas Duttenhoefer eine moderne Variante zu den Etruskern! Es ist erstaunlich: Die Physiognomie, die der Künstler beim Porträt in Gips oder Ton erschafft, und für das der Darzustellende Modell sitzen muss, selbst ein Marcel Reich-Ranicki musste "sitzen", wovon er schwer zu überzeugen war, - ist von sprechender Realität, sogar Farbigkeit in den Gipsen und Terracotten, - so weit sie als Modell und nicht als gegossene Bronze ausgestellt werden.  | Marcel Reich-Ranicki, Porträt 2005, Gips bemalt |
Die Bronzereliefs
Bevor Thomas Duttenhoefer mit seinem in der Kunstgeschichte einmaligen Stier-Bischof-Thema in die Vollbildung aus Bronze überging, schuf er die einerseits fast lyrisch zu bezeichnenden, in der Bewegung von Stier und Bischof jedoch dramatisch in der Inszenierung anmutenden Bronzereliefs der Jahre 1996 bis 97, die in der Ausstellung gezeigt werden. Hierzu schrieb Martina Rudloff einen im Katalog zitierten Kommentar, der in seiner Aussage nicht zu übertreffen ist und den ich hier mit Verlaub auch wegen seiner sprachlichen Schönheit in der Assoziation des Kunstwerks - zitieren möchte: Martina Rudloff schreibt: "... Den Reliefgrund bildet ein unregelmäßiger Ausschnitt des jeweiligen Sujets, der die Spannung der inwendigen Komposition aufnimmt. Stets konzentriert sich das Formgeschehen auf einen ereignishaften Zustand, in dem das Momentane physisch und psychisch in den Status der Dauer eingeht: aufgebahrt liegt das Bischofshaupt, wie ein Kruzifixus hängt der Stierleib und es eignet dem Kopf des Toreros die sakrale Versonnenheit eines Heiligenbildes. Es ist wie beim Stierkampf selbst, die gezielte, auf den Punkt gebrachte und sich darin erfüllende Handlung, die einen rituellen Prozeß bildhaft akzentuiert ... " Auch die hochdramatischen Reliefs des "Martin von Tours", "Die Schindung des Bartholomäus", der "Kreuzwegstudie" (Eisen, Hoch- bzw. Basreliefs) zeugen von der tiefinnerlichen religiösen Erlebnisfähigkeit des Künstlers, wie man sie so leicht in der Moderne nicht wiederfindet.  | Bischof und Stier, 1997 |
Radierwerk, Aquarelle, Einzeldarstellungen menschlicher Situationen
Auch bei Darstellungen des Menschen und einer an ihn gebundenen Thematik geht der Bildhauer so vor. Es ist der Mensch als solcher, den der Künstler sieht, nicht etwa ein Porträt nach Modell. Dies erzeugt im Beschauer das unbeschreibliche Gefühl, eins zu sein mit der Vorstellung des Künstlers und sich wiederzufinden. Das mit Dornenkranz gekrönte Haupt Christi, das höchste Symbol, wie ich finde, der Christenheit, ist Thema einer Reihe von Tusche-,Feder- und Kohlezeichnungen aus dem Jahre 2004, die das Antlitz des Sohnes Gottes geneigt oder frontal, auch im Dreiviertelprofil sehr innig skizzieren. Eine wahrhaft ergreifende Darstellung innerhalb der religiösen Kunst unserer Zeit. »Stier Bischof & Tod«
Wir sind überwältigt, wenn wir das Drama in Bronze und mehreren Akten »Bischof und Stier« bewundern. Dazu muss man wissen: In der Offenbarung des Johannes auf Patmos werden die Attribute der vier Evangelisten, Inhalt einer seiner Visionen, genannt. Diese Symbolik hat die christliche Kirche in ihrem Programm bis heute beibehalten, überliefert in Kapitellen und figürlichem Schmuck in und an Kirchen, in Gemälden. Attribute, die sich stellvertretend den Evangelisten zuordnen: Der Engel oder Mensch wird Matthäus beigegeben, der Löwe dem Markus (siehe Venedig), der Stier dem Lukas und der Adler dem Johannes. Christus wurde geboren als Mensch, als Gottes Sohn, er starb hingeopfert wie das besonders wertvolle Opfertier, der Stier , er erhob sich aus seinem Grab wie ein Löwe und stieg bei der Himmelfahrt in den Himmel auf wie ein Adler. Späterhin verstand man sich auf die Deutung, der Stier (als Opfertier) gelte als Zeichen für den Anfang des Lukas-Evangeliums, in welchem das Opfer des Zacharias erzählt wird; der Adler des Johannes wurde als Symbol für den spirituellen Höhenflug des Johannes-Evangeliums verstanden (siehe auch Herder-Lexikon für Symbole, Freiburg, 1978). Ansonsten ist der Stier das beherrschende Tier im Mittelmeerraum. Die Christenheit einigte sich auf den Ochsen, er ist wohl weniger heidnisch und so gar nicht triebhaft. Der Ochse spielt mit dem Esel, dem überaus klugen und verständigen Tier (woher kommt nur die so andere Deutung?), auf dem Christus in Jerusalem einritt, die Hauptrolle in der Weihnachtsdarstellung.  | Sturz, 2002, Bronze |
Zeus wandelt sich wegen seiner Gemahlin Hera in einen Stier, wenn er Europen entführt. Die Kreter und Völker rund um das Mittelmeer bis hin nach Indien verehrten ihn als Symbol der Kraft, des männlichen Kampfesmutes, der Begierde. Der geneigte Leser möge sich auch erinnern an den Mythos von dem Stiermenschen Minotauros.
Thomas Duttenhoefer greift sich das Thema "Bischof Stier & Tod" unter verschiedensten Aspekten heraus. Der Autor Birk Ohnesorge (Katalog S. 54 ff) weist hin auf die Autoren G. A. Goldschmidt, Veronika Wiegartz, Ludwig Wittgenstein, deren Lektüre zusammen mit den Tagebuchnotizen des Künstlers über ein Altenpflegeheim und des Erlebnisses eines Schlachthofes tragende Rollen spielen. Ich sage »tragende Rollen«, weil ich in des Künstlers Bronzen verschiedenster Größe ein Drama in 7 (+1,2 und mehr) Akten sehe, zu denen noch ein »Finale« kommt. Die Plinthe scheint die Bühne. In meiner Sicht der Ideengehalte dieser so ergreifenden Darstellungen der Konfrontation von Bischof und Stier mit dem Finale des Todes schließe ich mich den berufenen Kommentaren der bisherigen Autoren, die über das Werk gescheit geschrieben haben, an. Aber ich möchte den verhaltenen Anspielungen der Autoren doch ganz deutlich und mit Erlaubnis des Künstlers anfügen, dass dieses Drama nicht nur dem Prozeß des Vitalen mit dem Geistigen aufschlüsselnd gegenübersteht, sondern auch einen hocherotischen Vorgang in sich birgt: Der Bischof verneigt sich gar vor der Kraft und Vitalität des angreifenden oder des getöteten geopferten Stiers, aber er wird auch tief und mythisch vom Künstler empfunden, wenn er erstarrt und in der Bewegung gehemmt durch seine übergestülpte Soutane und die Mitra, die immer auf dem Kopf bleibt dem grimmen Angriff des Stieres nicht standhaltend könnend, hintüber stürzt. Bei gar mancher Darstellung eines Bischofs trägt folgerichtig das angedeutete Antlitz beliebige Züge. E I N von Thomas Duttenhoefer geschaffener Bischof steht für den »Begriff an sich«. Ist der Künstler Kant-Schüler und -Verehrer? So gewahrt der Betrachter bei einer Bischofsgestalt, die, nach vorn gebeugt, die Mitra auf dem Haupte tragend, Stab in der Hand, in Soutane gebildet, nicht nur ein Porträt oder eine Gestalt sondern den »Bischof in figura als solchen«, - wenn ich es so ausdrücken darf in der Hilflosigkeit der Sprache gegenüber dem künstlerischen Element, - und manch einer wird sich beim Hin-sehen auf einige Bronzen an Papst Johannes Paul, den jüngst verschiedenen vom Alter geprägten und geplagten Papst erinnern. Papiers colles
 | Zwei Figuren, 2000, Papiers collés |
In den Papiers Collés, 200 x 133 cm messende Hochformate des Künstlers, die Paare zum Thema haben, Sitzende, Stehende, Figuren, in einer sonderbaren Düsternis, sehe ich eine gedankliche Nähe zu Arnold Böcklins in mehreren Varianten existierende "Toteninsel". Arnold Böcklin zeigt in seinen Gemälden eine antik gewandete Gestalt in Rückenansicht, sie ist geheimnisvoll der Unterwelt entstiegen und blickt zurück auf die Insel, der sie vielleicht entronnen ist oder die sie noch nicht betreten hat. Bei Thomas Duttenhoefer sind die schemenhaften Gestalten frontal gezeichnet, gleichsam mumifiziert, Denkmäler ihrer selbst.
Wir begegnen bei der Schau auf das umfassende Werk von Thomas Duttenhoefer im Dom- und Diözesan-Museum Bamberg einem Künstler, der schlüssig arbeitet und erschafft, dem Beschauer aber Spielraum für eigene Auslegungen lässt und ihn unglaublich anregt. Danke für diese ganz wichtige Ausstellung! » Seitenanfang
|